Spiritualität im Tango - eine Studie

Im folgenden Artikel geht der Autor den besonderen Färbungen nach, in denen sich "Seins-Fühlungen" im argentinischen Tango zeigen können. Voraussetzung solcher Erfahrungen ist, dass die Tanzenden eine gemeinsame Bewegung spürend immer genauer erkunden. Dazu wird die Bewegung verlangsamt und wiederholt, die eigene Haltung und die gemeinsame Balance weiter und weiter korrigiert. Die Tanzbewegung entfaltet ihr Potential, wenn die Tanzenden mehr und mehr durchlässig werden und inneren Widerstände oder Blockaden den der Bewegung innewohnenden Energiefluss so wenig wie möglich behindern. Das ist Leibarbeit auf einer sehr feinen Ebene.

 

 

 

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HERZ UND HIMMELSLICHT

Seins-Erfahrungen und transpersonale Resonanzen im argentinischen Tango

Volker Schmidt, Hamburg

 

Veröffentlicht in: Bewusstseinswissenschaften. Transpersonale Psychologie und Psychotherapie 1/2016, 37-48. Via Nova Verlag, Petersberg

 

In der Bewegung öffnet sich ein innerer Raum, 
aus dem heraus Glückserfahrung die ganze Person durchweht.[1]

Wir beschreiben und reflektieren im Folgenden Tanz-Erfahrungen. Wie solche Erfahrungen sich zeigen und wie sie erlebt werden, ist in hohem Maße subjektiv. In alles, was wir erleben, fließt unsere persönliche Geschichte mit ein. Trotzdem ist es vielleicht möglich, über das Persönliche hinaus Allgemeines zu erfassen. Zu meiner persönlichen Geschichte gehört, dass ich in theologischem Umfeld aufgewachsen bin, und dass ich in den letzten zwanzig Jahren die Werkstatt Spiritualität aufgebaut und geleitet habe, also dazu geneigt bin, in allen Vorgängen des Lebens Tiefe und spirituelle Dimension zu suchen. Und nicht zuletzt: Ich erlebe und beschreibe Tango-Erfahrungen aus der Rolle der führenden Person, auch wenn ich in Übungen gelegentlich in die Rolle der geführten Person schlüpfen darf.

 

Wie ist es, wenn es im Tango gut geht?

Ein ganz kleiner Moment in einer Bewegung: Da ist kein Hindernis in mir, da ist kein Widerstand in ihr. Die Bewegung gelingt. Das Denken ist verschwunden. Es ist wie Eintauchen in ein archaisches Fließen. Ein Moment von großem Glück. Eine Ahnung von einer Wirklichkeit, in der alles, alles in Ordnung ist und in der das Geheimnis von Mann und Frau sich zu entschleiern verspricht.

 

Für solche Art von Erfahrungen verwendet Karlfried Graf Dürckheim den Begriff "Seins-Fühlungen" (1974, S. 77ff.). Für einen Augenblick wird unser Alltagsbewusstsein durchbrochen und wir tauchen in eine größere Wirklichkeit ein. Mitten im Musizieren, mitten im Singen, mitten im Hören eines Konzertes, mitten im Klang öffnet sich eine Tür zum Himmel. In der Meditation oder in der Stille des Waldes gibt es Momente, da ist man entrückt aus dem Bewusstseinsfeld von Raum und Zeit und wird von einem überweltlichen Frieden berührt. Märchen erzählen von solchen Bewusstseinssprüngen: Aus der Welt der blutigen Hände und der herrischen Stiefmutter springt Goldmarie "in großer Herzensangst" der Spindel nach in den Brunnen und findet sich in der Tiefe wieder "auf einer Wiese mit vieltausend Blumen" und im Reich der archaischen Göttin, der "Frau Holle" (Grimm 1974, S. 168ff.).

 

Im Tango scheinen diese Seins-Fühlungen ihre eigene und besondere Färbung zu haben. Dieser Qualität versuchen wir im Folgenden auf die Spur zu kommen.

 

Tango als Ritual

Der Tango kann tiefe Schichten des Bewusstseins berühren und an archetypisches Material heranführen. So betrachtet ist er ein Ritual. Ein Ritual kann helfen, einer Wirklichkeit zu begegnen, die tiefer ist als Worte und die über das Alltagsbewusstseins nicht erreicht und nicht erlebt werden kann.[2]

 

"Tango als Ritual zu verstehen", so sagt Tamara Juhan, Tangolehrerin des El Abrazo, "erklärt jedenfalls, dass viele in einer geradezu irrationalen Weise zum Tangotanzen hingezogen werden und mehr und mehr davon wollen." Als suchten sie nach dem Elixier des Lebens.

 

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[1] Mein Dank und Respekt geht an Tamara Juhan, Gründerin des Tangostudios el abrazo (www.elabrazo.de). Bei ihr verbindet sich hohe Tanz-Professionalität mit feinfühlig-imaginativer Körperarbeit, so dass es ein Leichtes war und ist, mit ihr die Tango-Erfahrungen im Detail zu erkunden und zu reflektieren.

[2] Die Alltagssprache betont mit dem Begriff „Ritual“, dass sich eine Handlung gleichbleibend wiederholt. Hier ist gemeint, dass sich, wie bei einer japanischen Teezeremonie, über ganz alltäglichen Verrichtungen, wie dem Zubereiten, Ausschenken und Trinken von Tee, im zeremoniellen Kontext eine besondere Tiefe in der Wirklichkeit einstellen kann: achtsame Zuwendung, Gelassenheit, Einklang...

 

 

 

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