Dem Atem folgen

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aus

Thich Nhât Hanh. Klar wie ein stiller Fluss,

Gedanken zur Achtsamkeit im Alltag,

Heidelberg 2. Auflg. 1999, Seite 57ff

 

 

Ich atme ein und entspanne meinen Körper.

Ich atme aus und lächle.

Ich bin ganz im Jetzt

und weiß: dies ist ein wunderbarer Augenblick!

 

Wir dürfen uns sehr glücklich schätzen, wenn wir in unserer geschäftigen, hektischen Ge­sellschaft von Zeit zu Zeit ganz bewusst Atemübungen machen können. Körper und Geist ent­spannen sich, wir werden ruhig und konzentriert und spüren Glück, Ruhe und Leichtigkeit. Bewusstes At­men können wir während unserer Meditation oder auch während des ganzen Tages üben und dabei dieses Gatha sprechen.

»Ich atme ein und entspanne meinen Körper.« Diese Zeile ist wie das Trinken eines Bechers kühlen Wassers. Wir spüren, wie seine Frische unseren Kör­per durchströmt. Wenn ich einatme und diese Zeile spreche, fühle ich tatsächlich, wie der Atem meinen Körper und Geist entspannt. »Ich atme aus und lächle.« Ein Lächeln kann hunderte von Muskelfasern in un/serem Gesicht entspannen und uns Herr unserer selbst werden lassen. Das ist der Grund, weshalb Buddhas und Bodhisattvas lächeln.

»Ich bin ganz im gegenwärtigen Augenblick.« Während ich hier sitze, denke ich an nichts anderes. Ich sitze hier und ich weiß, wo ich bin. »Ich weiß: dies ist ein wunderbarer Augenblick.« Es ist etwas Wunder­volles, stabil und entspannt zu sitzen und zu uns selbst zurückzukehren - zu unserem Atem, unserem kleinen Lächeln, unserem wahren Wesen. Diese Augenblicke schätzen wir ganz besonders. Stellen wir uns selbst ein­mal folgende Frage: »Wenn ich im gegenwärtigen Augenblick keine Ruhe und kein Glück empfinde, wann werde ich dann Ruhe und Glück empfinden - morgen oder übermorgen? Was hindert mich daran im gegenwärtigen Augenblick glücklich zu sein?« Wenn wir unserem Atem folgen, können wir sagen: »Entspan­nen, lächeln; gegenwärtiger Augenblick - wundervoller Augenblick.«

Diese Übung ist nicht nur für Anfänger gedacht. Viele von uns, die vierzig oder fünfzig Jahre lang prak­tiziert haben, üben weiterhin auf dieselbe Art und Weise, weil sie so lebenswichtig ist. Im Sutra des bewussten Atmens (Anapanasati) hat Buddha uns sech­zehn Übungen für bewusstes Atmen vorgeschlagen. Dieses Gatha ist eine Zusammenfassung vieler dieser Übungen, ebenso die folgenden Verse:

 

Ich atme ein und ich weiß,

dass ich einatme.

Ich atme aus und weiß,

 je tiefer die Einatmung ist,

desto langsamer wird die Ausatmung.

Das Einatmen beruhigt mich.

Das Ausatmen entspannt mich.

Ich atme ein und lächle.

Ich atme aus und lasse los.

Beim Einatmen

gibt es nur den gegenwärtigen Augenblick.

 Beim Ausatmen

erlebe ich diesen wunderbaren Augenblick.

 

Dieses Gedicht kann man folgendermaßen zusam­menfassen:

 

Ein, Aus; Tief, Langsam;

Ruhig, Entspannt;

Lächeln, Loslassen;

Gegenwärtiger Augenblick - wundervoller Augenblick.

 

Diese Übung ist sehr einfach - wir üben, während wir sitzen, gehen, stehen oder sonst irgendetwas tun. Zunächst üben wir »Ein, Aus«. Wir atmen ein und sagen »Ein« ganz still für uns, damit wir unser Bewusst­sein stärken, dass wir tatsächlich einatmen. Beim Aus­atmen sagen wir »Aus« und machen uns bewusst, dass wir ausatmen. Jedes Wort hilft uns zu unserem Atmen im gegenwärtigen Augenblick zurückzukehren. Dieses »Ein, Aus« wiederholen wir so lange, bis wir das Gefühl haben vollkommen ruhig und konzentriert zu sein. Das Wichtigste dabei ist, dass wir dieses Atmen wirklich genießen.

Bei der folgenden Einatmung sagen wir »Tief« und bei der Ausatmung »Langsam«. Wenn wir ganz bewusst atmen, wird unsere Atmung tiefer und lang­samer. Wir brauchen keine besondere Anstrengung zu machen, sondern nur zu spüren, dass die Atmung tiefer und langsamer, ruhiger und angenehmer wird. Dann atmen wir für eine Weile »Tief, Langsam, Tief, Langsam«, bis wir zum nächsten Wort übergehen wollen, dem »Ruhig, Entspannt«.

Das Wort »Ruhig« stammt aus der Übung im Sutra: »Ich atme ein und mein ganzer Körper wird voll­kommen ruhig und friedlich. Ich atme aus und mein ganzer Körper wird vollkommen ruhig und friedlich.« An dieser Stelle bedeutet das Wort >Körper< gleichzeitig auch >Geist<, weil unser Körper und unser Geist während der Übung eins werden.

Beim Ausatmen sagen wir »Entspannt«. Entspannt sein bedeutet das Gefühl zu haben nicht unter Druck zu sein und sich frei zu fühlen. Es gibt für uns in diesem Augenblick nichts Wichtigeres als einfach nur zu atmen und das Atmen zu genießen. Wir fühlen uns leicht und frei und vollkommen entspannt. Wir wissen, dass das Atmen in diesem Augenblick das Wichtigste ist, deshalb genießen wir einfach nur diese Atem­übung. Das Gefühl der Entspannung ist einer der sieben Faktoren der Erleuchtung im Buddhismus.

Wenn wir »Ruhig, Entspannt« beherrschen, gehen wir zum »Lächeln, Loslassen« über. Beim Einatmen können wir lächeln, auch wenn wir gerade keine beson­dere Freude empfinden. Aber das ist ziemlich unwahr­scheinlich, denn wenn wir unsere Atemübungen ma­chen, spüren wir dabei bereits Freude und Ruhe. Wenn wir lächeln, verstärken sich die Gefühle der Freude und der Ruhe, und die Anspannungen verschwinden. Das ist eine Art »Yoga für den Mund«. Unser Lächeln gilt allen Menschen.

Beim Ausatmen sagen wir »Loslassen«. jeder von uns kennt Schmerzen und Leid. Wir müssen lernen sie loszulassen und unserem Leid zuzulächeln. Das können wir nur dann tun, wenn wir wissen, dass die Gegenwart der einzige Augenblick ist, in dem wir lebendig sind. »Gegenwärtiger Augenblick - wunderbarer Augen­blick.« Wie wundervoll ist es am Leben zu sein!

 

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