Leid und Heilung in der Erfahrung der Mystik

tl_files/images/Veranstaltungen-Bilder115x77/Mohn.jpgVortrag von P. Volker Schmidt
gehalten am 29.11.2006 in der Hauptkirche St. Jacobi zu Hamburg.
Veröffentlicht in der Zeitschrift:  Transpersonale Psychologie und Psychotherapie 1/2007, Seite 78-90. Verlag Via Nova, Petersberg

 

Diesen Vortrag können Sie sich gegebenenfalls hier ausdrucken.
Einen Leserbrief zum Aufsatz und meine Antwort finden Sie hier.

 

Zusammenfassung: Manches Leid lässt sich nicht wenden. Manche Krankheit bleibt bei uns bis zum Tode. Wie geht die Mystik damit um? Kommen von der Mystik hierzu besondere Erfahrungen? Der Autor stellt seine Arbeit als spirituell-seelsorgerlicher Begleiter (spiritual counseling) und die Phänomene, die in der Begleitung seiner Patient/innen auftauchen, in den Spiegel mystischer Tradition, so dass beide, die gegenwärtigen Erfahrungen seiner Patientinnen und zentrale Erzählungen der christlich-mystischen Tradition, sich gegenseitig interpretieren und erhellen. Das bezieht sich zunächst auf die Rolle des Therapeuten: Die eigene meditative Praxis (nicht aus dem Ego, sondern in der „Kraft des Geistes“) versteht er als eine entscheidende Voraussetzung auf seiner Seite. Im Spiegel entsprechender Zeugnisse der Mystik erhellt sich aber auch die Kraft, die heilt, und erhellen sich die seelischen Themen, die in dem Begleitungsprozess zu Tage treten. Mystisches Denken und mystische Erfahrung – so die zentrale Formulierung des Autors – gehen davon aus, dass in uns entsteht, was die letzte Realität (Gott) selbst ist: Das LEBEN, der WEG, die WAHRHEIT.

 

Schlüsselwörter: Umgang mit Leid, heilende Kraft, Mystik und Transzendenz, meditative Zugänge, christlich-spirituelle Seelsorge

 

 

Einleitung

 

Beim letzten Mal hatten wir uns angesehen, wie die großen Traditionen von dem Vorgang des Heilens sprechen, wie sie die Rolle des Heilenden und die Rolle der Heilung Suchenden beschreiben, und wie sie von der Kraft sprechen, die heilt. Ich hatte in dem Vortrag einen Komplex ausgespart, nämlich die Erfahrung, dass Heilung manchmal trotz aller Bemühung nicht eintritt. Und so war es ganz natürlich, dass dies von den Zuhörern und Zuhörerinnen angesprochen wurde.

 

Eine Teilnehmerin aus dem Reiki-Bereich berichtete, sie hätte einen Fall gehabt, da schien es ganz und gar nicht aussichtslos zu sein, dass die Patientin gesund würde. Aber die Heilung trat nicht ein. Und die Berichtende fügte hinzu: Ihres Erachtens hätten innere Widerstände dagegen gestanden. Unbewusst wäre es für die betreffende Person günstiger gewesen, krank zu sein als gesund zu werden . Wenn sie gesund würde, müsste sie zurück zu einer ungeliebten Arbeit. Ob die Begründung zutreffend ist, sei einmal dahingestellt. In ihr steckt aber die Erfahrung, dass sich mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln manchmal die Krankheit nicht wenden lässt. Das soll heute ein Teil unseres Themas sein.

 

Manches Leid lässt sich nicht wenden

 

Manche Schicksalsschläge kommen über uns und wir können nichts dagegen tun. Manche Krankheit bleibt bei uns bis zum Tode. Wie gehen wir damit um? Wie geht die Mystik damit um? Kommen dazu von der Mystik besondere Erfahrungen? Was ich mit „Mystik“ meine, ist zu klären. Mystik ist eine Sonderform religiöser Strömungen. Es gibt sie in den verschiedensten Kulturen. Sie versteht sich als ein Zugang zu innerer Erfahrung und Verwandlung und als ein Übungsweg. In meiner Sprache ausgedrückt geht es auf diesem Weg darum, mit dem Urgrund des Lebens in Kontakt zu kommen und auf diese Weise an Seele und Leib Erneuerung zu erfahren. Die Vision dabei ist, gegebenenfalls mit dem Urgrund des Lebens auch eins zu werden.

 

Die Beschreibung wird noch etwas deutlicher, wenn ich Ihnen Personen nenne, die man in unserem Kulturkreis zu den Mystikern zählt. Die Reihe der christlichen Mystiker/innen beginnt mit drei großen Namen:

 

  • Jesus selbst ist dazuzurechnen, insbesondere dort, wo er sagt „Ich und der Vater sind eins“. Jesus redet in zweifacher Weise von der Wirklichkeit, die er „Vater“ nennt. Er kann sie als Gegenüber ausdrücken wie zum Beispiel in der Formulierung, dass Gott ihn gesandt habe. Oder er kann diese Vater-Wirklichkeit als „Inne sein“ beschreiben und sagen, er sei im Vater und der Vater in ihm. Dann ist das Göttliche nicht Gegenüber, sondern in eins mit ihm. Diese zweite Weise, sich das Göttliche zu vergegenwärtigen, nehme ich als die mystische Seite Jesu . Anmerkung 1 Anmerkung 2
  • Der zweite große Name ist der Evangelist Johannes, und zwar deswegen, weil sein Evangelium in besonderer Weise von einem Wissen zeugt, das aus meditativ-seherischer Erfahrung stammt. Das gilt für das Johannes Evangelium ebenso wie für das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes. Seine Texte haben zunächst eine Oberfläche. Die ist die einfach zu verstehen ist und spricht wie eine normale Erzählung über äußerliche Begebenheiten. Darunter liegt ein zweiter Erzählstrang und der spricht von innerer Erfahrung und innerem Wachstum. Ich lege ihnen nachher ein Beispiel vor und wir werden versuchen, in diese tiefere Dimension Textes einzutauchen.
  • Als dritter Name in der Reihe der Mystiker unseres Kulturkreises ist Paulus zu nennen. Paulus hatte ein Erleuchtungserlebnis, das sein Leben fundamental änderte, und von diesem Wendepunkt an redete er über die Dinge dieser Welt nur noch aus der Perspektive der Erleuchtung. Das ist wie bei Buddha. Auch der predigte und redete, nachdem er Erleuchtung erlangt hatte, gewissermaßen nur noch über die Erleuchtung und wie die Dinge dieser Welt aussehen aus dieser Perspektive. Auch von Paulus werde ich Ihnen nachher einen zentralen Gedanken zum Thema „Leid in der Erfahrung der Mystik“ vortragen.

 

Das also sind die ersten drei. Viele andere Namen aus unserem Kulturkreis könnten hier folgen. Anmerkung 3 Zu unserem Thema dann vielleicht – damit wären wir im 13. Jahrhundert – insbesondere Meister Eckart mit seinem „Buch der göttlichen Tröstung“, das er aus Anlass einer schweren Krankheit schrieb. Und natürlich gibt es solche Strömungen auch in unserer Gegenwart. Viele Gruppierungen im Bereich der Meditation und auch des New Age könnten – im weiteren Sinne des Wortes – als Teile gegenwärtiger mystischer Strömungen betrachtet werden.

 

Auch unsere eigene Arbeit und Praxis im Rahmen von WERKSTATT SPIRITUALITÄT kann man als Teil solcher mystischer Strömung verstehen. Es geht um „Heilende Energien als Kräfte des Geistes“ Anmerkung 4, es geht um Meditation, es geht um die Kraft der Stille und um Wege der Wandlung.

 

Wir werden also auf beides Bezug nehmen: auf unsere eigene Praxis im Bereich von Meditation, Heilung und persönlichem Reifen und auf das Wissen der alten Meister, wobei von letzteren heute Johannes und Paulus zu Worte kommen werden.

 

Das Potential von Meditation und „Heilenden Energien“

 

Ich beginne mit zwei Berichten aus eigener Praxis: Manchmal begleite ich Menschen mit den Möglichkeiten der Meditation und mit „Heilenden Energien“, also in den Formen, die sich bei uns in der Praxis entwickelt haben. Wir helfen, dass sich auf Seiten der Betreuten nach Möglichkeit die eigene Spiritualität entfaltet oder die körper- und seeleneigenen Heilungskräfte wieder in Gang kommen. Die alte Formulierung heißt: Seelsorger. Manchmal benutze ich den Begriff  „spirituelles Coaching“. Ein spiritueller Coach betreut andere und steht – wie ein Seelsorger – nicht selbst im Zentrum. Allerdings muss er die spirituellen Kenntnisse erlernt haben und sich darin auch immer wieder üben. Denn – wenn es gelingt – stellt sich nicht zuletzt über seine meditative Präsenz eine Atmosphäre ein, die die Hilfe suchende Person mit umfasst und sie unterstützt. Ich will von einer Frau aus engerem Umkreis berichten. Anneliese hatte eine Darmoperation vor sich. Und sie bat darum, dass ich sie begleite. Das habe ich getan. Eine Darmoperation ist keine Kleinigkeit. Aber wenn es gut geht, dann dauert der Krankenhausaufenthalt eine Woche, höchstens zehn Tage. Bei Anneliese zog sich der Aufenthalt über mehr als drei Wochen hin. Sie bat schon, bevor sie ins Krankenhaus ging, um Begleitung. Da war etwas an Befürchtung mit im Spiel. Und es erwies sich dann, dass die Heilung nach der Operation nicht in Gang kam. Die Wunde hörte nach aussen hin nicht auf zu bluten, und auch im Darm war immer wieder Blut. Die Ärzte sagten: „Ja, manchmal dauert das länger.“ Wir haben miteinander meditiert. Ich habe sie angeleitet, dass sie sich nach innen in ihr eigenes inneres Gewahrsein begibt, dass sie eine Wolke des Lichts über sich visualisieren und sich vorstellen möge, wie dieses Licht langsam ihren Leib durchlichtet, Stück um Stück von oben nach unten hin durchlichtet. Das erwies sich als gar nicht so einfach. Da gab es Widerstände. Sie konnte das innerlich wahrnehmen, dass das Licht an manchen Stellen nicht durchkam. Es hat viele Tage gedauert. Auch wenn wir nicht verstanden, was es war, bemerkten wir deutlich, dass da ein Widerstand im Spiel war. Er drückte sich auch in ihrem seelischen Befinden aus. Sie war manches Mal in niedergeschlagener Stimmung. Manchmal schlich sich der Gedanke ein, ob sie wohl je das Krankenhaus würde gesund wieder verlassen können . Und diese bedrückende Atmosphäre in Leib und Seele war zäh.

 

Einen Tag aber, bevor bei mir eine lange geplante Urlaubsreise beginnen sollte, gab es Veränderung. In der Meditation erschien vor ihrem inneren Auge eine Art Salzlampe mit einem Loch darinnen als wäre es eine Wunde. Und über dem Meditieren und Hinschauen schloss sich die Wunde. Und Anneliese wusste, dass jetzt die Wende da ist und die Heilung zustande kommt. Zwei Stunden später funktionierte der Darm wieder richtig und war der Stuhl ohne Blut. Und dann dauerte es nur noch wenige Tage, bis sie nach Hause konnte.

 

Ich habe diesen Umschwung ja nun schon öfter miterlebt. Da ist dieser zähe Widerstand. Und plötzlich erscheint es, als würde Zuversicht auf allen Ebenen entstehen. Zuversicht ist ein guter Begriff, um die Kraft zu beschreiben, die da einströmt. Aber er ist zugleich doch auch etwas zu begrenzt. Er beschreibt nur den seelischen Aspekt, die Wendung von der bedrückten zur zuversichtlichen Stimmung. Die Umwendung scheint aber Hand in Hand mit einer Umorientierung auf der Ebene der Zellen zu geschehen, als hätten die Zellen in Heilungsunfähigkeit verharrt und würden ihre Heilfähigkeit zurück gewinnen. Und von Erfahrungen wie denen mit Anneliese her ist es ganz schwer zu sagen, ob der Heilungsprozess zuerst in der Seele oder zuerst auf körperlicher Ebene in Gang gekommen ist. Vielleicht auf beiden Ebenen zugleich. Anmerkung 5

 

Was also weiss die Mystik von Leid und Heilung?

 

Die Erfahrung aus der eigenen Praxis weist uns daraufhin, dass in Meditation, in Heilenden Energien, im Herbei-Bitten der Kräfte des Geistes ein ganz erhebliches Potential steckt, Menschen zur Heilung hin zu unterstützen. Die inneren Bilder und energetischen Vorgänge, die sich dabei einstellen, gleichen oftmals in erstaunlicher Weise den klassischen Heilungserzählungen. In dem gerade berichteten Fall ist es insbesondere das Element, dass die Patientin plötzlich wusste, dass jetzt die Heilung einsetzt. Anmerkung 6

 

Leider geht es nicht immer so gut aus, wie eben erzählt. Ich habe mehrere Menschen begleitet, Krebspatienten, bei denen ich erlebte, dass die Zuversicht in sie einströmte, auch dass Schmerzen zeitweilig leichter wurden oder verschwanden. Aber die Krankheit führt am Ende doch zum Tode. Sie starben an dem Krebs.

 

Auch hierzu will ich eine Geschichte erzählen. Es kam eine junge Frau zu mir, Ingrid, und sagte: „Ich höre, sie begleiten manchmal Menschen.“ Jemand aus unserem Umfeld hatte sie zu mir geschickt. Ich habe einen wunderschön weichen Sessel, in dem man wie in Abrahams Schoß sitzt. Und da war sie nun bei mir und sagte: „Ich bin krebskrank, schon länger. Ich habe keine Seele. Ich bin leer. Ich fühle mich als hätte ich gar keinen Halt, als hätte ich keinen Boden mehr unter den Füssen.“ Und ich gesagte: „Setzen sie sich doch bitte einmal in diesen Sessel hinein.“ Das tat sie. Und ich sagte zu ihr: „Lassen sie einmal alles Denken weg und gehen sie in die innere Wahrnehmung, und dann wollen wir einmal sehen, ob ihre Seele etwas weiss über `gehalten sein´ und `nicht gehalten sein´“…

 

Ich will das abkürzen. Was sie entdeckte war, dass sie sich in der Meditation plötzlich wie von Händen getragen fühlte. Sie sagte mit Erstaunen: „Meine Hände werden ganz groß.“, und etwas später: „Jetzt fühle ich mich von meinen Händen getragen. Und das tut sehr gut.“ Sie kam regelmässig. Und die Erfahrung, dass sich in der Meditation diese Schwingung einstellte, die sich anfühlte, als sei sie von Händen getragen, wiederholte sich ganz verlässlich. Irgendwann machte ich sie auf ihre Ausdrucksweise aufmerksam und sagte: „Sie sagen, ihre Hände würden so groß und Sie fühlen sich von ihren Händen getragen. Stimmt das, dass es Ihre Hände sind?“ Und dann guckte sie mich groß und fragend an. „Ich frage das“, sagte ich, „weil meine Tradition das vielleicht ein bisschen anders formulieren und in solchem Fall vielleicht eher von `Engelhänden´ sprechen würde. Sie würde vielleicht sagen: „Ich fühle mich wie von Engelhänden getragen:“ Und die junge Frau sagte: „Ja, das passt ganz gut.“ Und ich zitierte ihr die Formulierung aus den Psalmen, die mir im Kopf gewesen war: „Er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Anmerkung 7 Und sie freute sich an dieser Formulierung.

 

Von unserem Thema her haben wir hier wieder die Erfahrung, dass in der Meditation eine Kraft entsteht, die sich als Trost und Zuversicht ausbreitet. Ja, noch mehr. Die junge Frau sagte: „Jetzt weiß ich, was Leben bedeutet. Nicht dieses hastige Dahineilen.“ Und über die Zeit wurden ihre Augen strahlend. „Ich gucke in den Spiegel, sagte sie, „und sehe strahlende Augen. Und ich gucke meinen Körper an und ich sehe einen zerfallenden Körper.“ Und so ist es gekommen. Sie hat diese strahlenden Augen behalten und sie ist gestorben.

 

Was ist das für eine seltsame Form von spiritueller Energie, die wir einander vermitteln können? Es taucht die Kraft des Lebens auf. Sie scheint sichtbar aus den Augen hervor. Und die Leute sterben. Was ist denn das? Man muss über diesen Widerspruch in Ruhe nachsinnen, um ihn zu verarbeiten. Im Vortrag wollte an dieser Stelle jemand genauer wissen, „wie diese Frau das denn ihrerseits erlebt hat, diese Kraft und Zuversicht, die ihr zugewachsen ist, und den Körper, der im Zerfallen ist. Im Blick auf das Sterben des Körpers, was hat sie dazu gesagt?“ Im Saal war eine Freundin, die berichten konnte: „Es gab auch große Verzweifelung darüber, dass der Körper eben nicht gesund wurde und körperliche Heilung nicht stattfand“, berichtete die Freundin. „Und es hat auch immer die Frage gegeben hat: Warum nicht? Was fehlt? Darauf hat es bis zum Schluss keine Antwort gegeben. Es war nicht durchgängig einfach Friede da oder Einverständnis. Es war immer wieder ein Wechselbad.“ Und eine andere Zuhörerin kommentiert: „Das finde ich ganz schwer auszuhalten, dieses Gefühl zu haben `Ich lebe´ und im Spiegel das Strahlen zu sehen und gleichzeitig zu zerfallen. Diesen Widerspruch auszuhalten, das finde ich ganz schwer. Und gleichzeitig ist das auch sehr schön. Aber trotzdem, wenn wir das Gefühl haben `wir leben´, dann möchten wir das auch gestalten und in das Leben hinausbrausen und etwas ganz anderes tun als bisher. Und dann aber dies im Angesicht des Todes, - das ist schon tragisch.“

 

Ich konnte nur zustimmen. Genauso hatte die junge Frau gesprochen: „Jetzt, wo ich weiß, was Leben ist, habe ich keine Zeit mehr, das neue Leben zu leben.“ Das ist tragisch. Und dieses tragische Element bleibt auch bestehen, - neben dem Strahlen.

 

Was also weiß die Mystik von Leid und Heilung? Ich habe für mich aus dieser und ähnlichen Erfahrungen formuliert: Das ist offenbar eine Kraft, die stammt von jenseits von Leben und Tod. Oder: Es ist eine Kraft, die stammt von jenseits vom Tode. Wenn wir sie berühren bzw. wenn sie uns berührt, schwingen wir ein in Zuversicht, und es scheint so zu sein, als können wir in dieser Zuversicht auch sterben oder durch den Tod hindurch gehen. Manchmal bezieht die Kraft den Körper mit ein und lässt ihn heilen: Und manchmal tut sie das nicht.

 

Und noch eine zweite Erkenntnis kann ich aus diesem Zusammenhang formulieren. Diese bezieht sich auf die Frage: Waren das nun die eigenen Hände oder waren es Engels Hände. Dazu muss ich die Geschichte von der jungen Frau noch ein wenig erweitern. Sie fragte mich bei einem der späteren Treffen: „Gibt es auch eine Formulierung, wie ich mich zu Hause in dieses Getragenseins hineinstellen kann?“ Und ich sagte: „Sie sind ja nicht die erste, die diesen Wunsch hat. In einem alten Lied der biblischen Tradition benutzt jemand die Formulierung: „In Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Anmerkung 8 Auch diesen Psalmvers nahm sie gern an und erzählte dann ganz glücklich der Freundin, dass sie ein Wort bekommen habe, mit dem sie sich selbst und auch zu Hause in die Kraft des Lebens stelle könne, und dieses Wort hieße: „In  m e i n e  Hände befehle ich meinen Geist.“

 

Man kann darüber schmunzeln. Das klingt wie eine Anekdote. Aber es ist auch eine wunderbare Sprachverwirrung. Die junge Frau war mit Sprache und Denken der christlichen Tradition überhaupt nicht vertraut. Vertraut geworden war sie damit, dass in der Meditation in ihr die Kraft der Geborgenheit entsteht, wie aus ihr selbst heraus und als ein Teil von ihr. Und das ist auch so. Und andererseits ist es so, dass unser Ich, das in unserem Alltagsleben sicherstellt, dass wir gut durch diese Welt kommen, diese Kraft nicht herstellen kann. Das Ich muss beiseite treten und sein Sorgen und Streben und Retten lassen. In dem, was dann ist, kann die Kraft möglicherweise in Erscheinung treten. Von daher ist es eine Kraft von „jenseits vom Ich“, genauer noch: eine Kraft von „jenseits vom Ich“, die das Ich umfasst und verwandelt. Anmerkung 9 Vom psychologischen Denken her nennen wir sie „transpersonal“. In symbolischer Sprache ist es die Kraft der Engel oder göttliche Kraft oder die Kraft des (heiligen) Geistes. Sie ist transzendent und gleichzeitig immanent. Es ist eine fremde Kraft und es ist meine Kraft.

 

Das abendländisch-philosophische Denken denkt sehr stark in einer Trennung von Subjekt und Objekt, d.h. trennt sprachlich sehr stark zwischen mir und dem, was mir begegnet, und formuliert das Begegnende als „Gegenüber“. Das ist nicht in allen Kulturen so. Anmerkung 10 Der Zen-Meister Hakuin formuliert: „Die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt gibt es nur so lange, als Ich-Bewußtsein vorhanden ist.“ Anmerkung 11 Auch in der Erfahrung und der Sprache der Mystik fließt das Transzendente und das Immanente zusammen. Dann sind es meine Hände und des Engels Hände zugleich. Und vielleicht verschmelzen sie in der inneren Wahrnehmung, dass es sinnlos ist, noch zu unterscheiden. Denn mystisches Denken und mystische Erfahrung geht davon aus, dass in uns entsteht, was Gott selber ist: Das LEBEN, der WEG, die WAHRHEIT. Anmerkung 12

 

Warum kommt dieses Leid über mich? – Hat das Leid einen Sinn?

 

Warum werde ich nicht gesund? Warum kommt dieses Unglück über mich? Wo stecken die Schuld, wo die Fehler, die das Leid heraufbeschworen haben? Warum ich? Irgend etwas in uns – vermutlich das Ich – erhofft sich Rettung von diesen Fragen. Die Fragen stecken tief in uns. Sie beunruhigen, sie treiben ins Grübeln. Das ist ein sehr menschlicher Zug, aber ganz sicherlich nicht gerade gesundheitsfördernd. Was weiß die Mystik dazu?

 

Johannes schreibt eine Szene, die mit der Frage nach dem „Warum?“ beginnt. Die Szene ist bekannt als „Die Heilung eines Blindgeborenen“. Anmerkung 13

 

Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, 
machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah - das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

 

Auf einer ersten und oberflächlichen Ebene ist dies eine Erzählung von einer gelungenen Heilung. Da ist ein Blinder. Da ist ein Meister. Der Meister kreïert ein Ritual für den Blinden. Der erste Teil wird vom Meister ausgeführt. Er macht einen Brei aus Spucke und Erde und streicht diesen auf die Augen. Der zweite, vermutlich mindestens ebenso wichtige Teil des Rituals ist Sache des Blinden. Es ist gewissermassen sein Übungsweg: Er wird auf den Weg geschickt. Er hat sich im Teich der Reinigung zu waschen. Er kehrt sehend zurück.

 

Vom Wissen um „Heilung“ her ist bezeichnend, wie wir beim letzten Vortrag herausgestellt hatten, dass der Meister nicht einfach das Problem löst. Vielmehr schafft er ein Ritual; auf dass der Blinde in die Kraft hineinfinden kann. Das habe ich eben auch hervorgehoben, indem ich den Weg besonders betonte, damit wir unsere Aufmerksamkeit nicht allein auf die Handlung des Meisters richten.

 

Der Meister war ganz ohne Zweifel ein grosser Meister. Aber er weilt nicht mehr unter uns. Was ist mit uns? Ohne ihn? Wenn wir nicht so einem Meister begegnen? Johannes wäre nicht Johannes, wenn er uns nicht mit seinen Erzählungen auf Weisheitswissen aufmerksam machen würde, das über die Zeiten hinweg gültig ist. Man kommt darauf, wenn man sich den seltsamen Formulierungen zuwendet, die Johannes in diese Geschichte hinein geflochten hat.

 

Der Text beginnt mit der Warum-Frage: Hat dieser oder haben seine Eltern gesündigt? Das klingt zunächst etwas altertümlich. Der Verständniszusammenhang, der dahinter steckt, ist so etwas Ähnliches wie Karma im buddhistischen Denken. Dort und auch in anderen Kulturen gibt es ja den Gedanken, dass Schuldzusammenhänge aus früheren Leben in diesem Leben abzutragen sind, und manchmal Heilung nicht zustande kommt, weil die Krankheit ein Weg des Abtragens alter Schuld ist. So finde ich das in der Bibel nicht, aber so ähnlich. Anmerkung 14 Jedem ist damals im Ohr, dass der Gott des Alten Testaments sagt: Ich suche die „Missetat der Väter heim an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied“. Anmerkung 15 Damit wird formuliert: Es kann über einer Familie ein schwerer Schatten aus der Vergangenheit liegen, vielleicht aus der Generation der Eltern oder einer noch früheren Generation herstammend. Und es kann sein, dass jemand in diese Familie hineingeboren wird und die Lasten dieses Schattens zutragen hat, obwohl er ursächlich überhaupt nichts damit zu tun hat. Das ist ein gängiger Denkzusammenhang in der Umwelt Jesu. Und das ist uns natürlich überhaupt nicht fremd.

 

So etwas diskutieren die Jünger hier. „Hat dieser oder haben seine Eltern gesündigt?“ Da wird also wieder, wie auch bei dem am Anfang zitierten Krankheitsfall vom letzten Mal, ein Grund gesucht, warum etwas nicht zur Heilung kommt. Der Meister weist diese Überlegungen gänzlich zurück. Er weigert sich offensichtlich, sich auf diese Ebene einzulassen. Wieso das?

 

Lassen Sie uns nachspüren, was in dieser Szene energetisch geschieht. Da ist der Blinde. Da sind die Jünger und diskutieren. Da ist der Meister, der die Diskussion zurückweist. Ich leite also eine kleine geführte Meditation an. Wem das nicht so liegt, der mag still dabei sein und zuhören, was die anderen vielleicht entdecken. Erlauben Sie sich einmal, in diese alte Zeit einzutauchen. Im inneren Bild möge eine Straßenszene der alten Zeit entstehen. Sie sitzen am Straßenrand und Sie sind selbst der Blinde. Es kommt eine Gruppe von Menschen vorbei, sieht Sie und in der Gruppe beginnt man zu diskutieren: Wer hat Schuld, dass dieser Mann da blind ist? Die Eltern, haben die gesündigt? Hat er selber gesündigt? Und man redet so, dass Sie als der Blinde das alles mit hören. Spüren Sie bitte in sich selbst hinein: Wie geht es dem Blinden über diesem Reden? Wie fühlt sich der Blinde?

 

Sie bleiben bitte im meditativen Wahrnehmen, und geben mir trotzdem bitte ein paar Stichworte zur Antwort. Ich schildere die Szene noch einmal: Da sitzen Sie blind seit ihrer Geburt. Menschen kommen vorbei und sagen: „Wer hat Schuld, dass Sie blind sind.“ - Wie fühlen Sie sich?

 

Tn/innen Anmerkung 16:  Bedrückt – ohnmächtig – abgestempelt – verletzt - ausgegrenzt.
Anleiter:  Wenn Sie es in „warm“ und „kalt“ schildern würden, ist Ihnen eher warm oder eher kalt, da als der Blinde?
Tn/innen:  Ganz kalt
Tn/in:  Warm 
Anleiter:  Was für eine Wärme?
Tn/in:  Bedrückend
Anleiter:  Wenn Sie es in hell und dunkel beschreiben würden?
Tn/innen:   dunkel (Zustimmung auch von anderen)

 

Über dem Reden der Menschen wird Ihnen innerlich kalt und dunkel. Erlauben Sie mir, dass ich Sie im inneren Bild weiterführe. Der Meister tritt dazwischen und sagt: Was redet Ihr für einen Unsinn. Und er wendet sich dem Blinden zu und sagt: Übernimmt doch bitte einmal folgendes Mantra: „Ich bin das Licht der Welt“. Und der Blinde erlaubt sich dies. D.h. Sie erlauben es sich und sprechen innerlich als der Blinde: „Ich bin das Licht der Welt“. Sie legen sich dieses Wort in den Atem und wiederholen es bitte eine Weile wie ein Mantra. Mit dem ersten Ausatmen sprechen Sie „Ich bin“, mit dem zweiten Ausatmen „das Licht der Welt.“

(Großes, erleichtertes Aufatmen ist zu hören.)
Anleiter:   Darf ich wieder fragen: Wie geht es dem Blinden?
Tn/innen:   Besser - Er atmet tief durch. - Innerlich wird es ganz hell.  (Zustimmung von anderen) 
Anleiter:   Nehmen Sie sich noch einen Augenblick Zeit, diese neue Lage in Ihnen genauer wahrzunehmen. - Und dann kommen langsam zurück aus diesem kleinen meditativen Erkunden.

 

Ich beschreibe das Ergebnis unsere Erkundung: Die Art und Weise, wie die Schüler und Schülerinnen des Meisters über den Blinden reden, diese Art und Weise schafft Dunkelheit. Und der Meister tritt dazwischen und sagt: Lasst ab von dieser Art zu reden. Und er wendet sich dem Blinden zu und sagt: „Ich bin das Licht der Welt“, und ich habe als Anleiter hinzugesetzt und zum Blinden gesagt: Übernimm einmal dieses Wort und wiederhole es als Mantra. Das hat offenbar die innere Lage verändert. Das haben Sie an sich erlebt bzw. aus den Stichworten der anderen gehört.  Unsere meditative Erkundung hat uns den Zusammenhang von Licht und Dunkelheit bzw. von Tag und Nacht erschlossen, den Johannes in die Geschichte hinein verwoben hat. In meinen Worten heißt das: „Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat“  - also wir müssen das Göttliche wirken – „solange es Tag ist.“ Euer Reden schafft Nacht in dem Mann. Wenn Ihr Nacht herbeiredet, dann kann Heilung nicht stattfinden.

 

Was heißt dann Heilung? Was heißt, wie Johannes es formuliert, „Die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden“? Für diejenigen, die die oberflächliche Erzählebene sehen, heißt das ganz sicherlich: äußere Heilung. Dem Blinden wird das Augenlicht gegeben. Für die, die die tiefere Ebene der Erzählung sehen, heißt das: Versteht der Blinde sich eigentlich potentiell als ein Wesen von Licht? Anmerkung 17 Und die Aufgabe der Jünger, die ja immer so herrlich Fehler machen, damit wir begreifen, was wir zu üben haben, lautet: Nicht Schuld aufklären, sondern ihm helfen, seine göttlich Natur wahrzunehmen, helfen, dass sie sich in ihm entzündet. Auf der tieferen Ebene ist genau dies auch die Chance des Blinden: Versteht er sich als jemand, dem die Tür zur „Erleuchtung“ hin offen steht? Oder gehört er zu denen, die ihr „Licht unter den Scheffel stellen“ Anmerkung 18, so dass es sogar ihnen selbst verborgen bleibt? Der Weg zum Teich Siloa und zurück ist sein Übungsweg, auf dass er sich des Lichtes inne wird. Der Schlusssatz „und er kam sehend wieder“ hat dann auch diese zweifache Schichtung. Oberflächlich bedeutet er: Der Blinde kam sehend zurück. In der tieferen Schicht heißt er: Und der Blinde kam „erleuchtet“ d.h. im Bewusstsein seiner Lichthaftigkeit zurück. Und dieses ist Heilung in der Tiefe, unabhängig von der Frage, ob er nun sein Augenlicht bekommen hat oder nicht. Anmerkung 19

 

Exkurs

 

Ich erlaube mir, hier einen kleinen Exkurs einzufügen. In der Meditationsanleitung habe ich mir erlaubt, dem Blinden ein Wort in den Atem hinein zu legen, das Jesus von sich selbst sagt. „Ich bin das Licht der Welt“. Darüber, dass der Blinde das Wort für sich übernahm, wurde es hell und leicht und frei in ihm. Das war der methodische Clou. Darf man das, dem Blinden das Wort „Ich bin das Licht der Welt“ in den Mund legen? Im Vortrag meldete sich spontan eine Teilnehmerin und sagte, sie hätte es nicht über sich gebracht, dieses Wort für sich zu übernehmen. Das hätte sie als Vermessenheit empfunden. Eine andere Teilnehmer/in konterte und wies darauf hin, dass es in ihr aber ganz hell geworden sei und sie hätte tief durchatmen können.

 

Mit diesem Vorbehalt bin ich auch aufgewachsen. Man darf sich nicht mit dem Meister identifizieren. Der Abstand zwischen dem Meister und uns ist so groß, dass das nicht geht. Da gibt es eine fundamentale Distanz zwischen dem Jesus als dem Christus und mir als dem Volker Schmidt. Jeder, der so aufgewachsen ist, kann dieses Gefühl, das sei Anmaßung, nachvollziehen.

 

Glücklicherweise gibt es gerade bei diesem Wort, das wir dem Blinden in den Mund gelegt hatten, eine Passage in der Bergpredigt, wo der Meister direkt den Zuhörer/innen sagt: „Ihr seid das Licht der Welt“ Anmerkung 20. Insofern ist das vielleicht nicht so sehr eine Frage, ob man das darf, sondern: Was sind das für seltsame Widerstände in uns sind, die uns das verbieten? Anmerkung 21 Mystik jedenfalls geht gerade davon aus, dass auf ihrem Übungsweg in uns entsteht, was Gott selber ist: Licht.

 

Zusammenfassung

Wieder können wir Ergebnisse zusammenfassen: Die mystische Dimension unseres und anderer Texte des Johannes geht davon aus, dass in uns entsteht, was Gott selber ist: das Licht der Welt. Die mystische Weisheit dieser Erzählung weist uns auf die Wirkung unserer Gedanken hin und fordert uns auf zu prüfen, ob wir mit unserem Reden und Denken - in uns und anderen - Tag oder Nacht schaffen. 

 

Und mit der Kritik an den Schülern und Schülerinnen weist die Erzählung die Menschen, die an dem mystischen Weg interessiert sind, auf eine Übungsaufgabe hin: Übt Euch darin, dass über Eurem Denken und Reden Tag entsteht, in Euch und in den anderen. Sie werden das vielleicht selbst erlebt haben: Wenn jemand ernstlich krank geworden ist, da gibt es oft Kommentare: Die Person ist ja selbst auch schuld, denn… Und dann kommt ein mehr oder weniger plausibler Grund, den die Aussenstehende zu erkennen meinen. Wenn der Betroffene das hört, dann verletzt es ihn, und auch wenn er es selbst nicht hört, dann hat das möglicherweise dennoch atmosphärisch seine Wirkung.

 

Wie möchten wir, dass die Menschen über uns reden. Stellen Sie sich einmal vor, Sie sind in einer relativ schwierigen Lage im Krankenhaus. Wie möchten Sie, dass die Leute über Sie reden. Sollen die sagen: Ach die Arme, jetzt muss sie wieder ins Krankenhaus? Sollen die sagen: Ich denke immer an dich? - Sollen die sagen: Das musste ja so kommen. Das war schon lange dran, dass du krank wirst. - Sollen die sagen. Ich wusste immer, das da was falsch ist.

 

Ich karikiere ein bisschen. Aber sie merken, welche Bemerkungen und Gedanken destruktiv sind, Dunkelheit schaffen. Ich habe mir eine Formulierung überlegt, die ich mir wünsche. Ich würde mir wünschen, dass die Freunde  - und nicht nur die - sagen: Wir wünschen dem Volker und trauen ihm zu, dass er bei allem Schweren, was da jetzt kommt, nicht den Kontakt zum Strom des Lebens verliert. Strom des Lebens ist für mich eine wichtige symbolische Formulierung. Sie könnten auch sagen: nicht den Kontakt zum Licht verliert. In dieser Richtung würde ich mir Gedanken und Gebete wünschen. Ich denke, das unterstützt in mir die Seite, die vom Licht etwas weiß, und nicht die Seite, die in mir zur Dunkelheit hin tendiert. Und Mitleid wünsche ich mir gar nicht. Mitleid geht davon aus, dass ich bedürftig bin, defizitär. Das macht mich klein. Aber vielleicht ist es so, dass wir alles schon haben?

 

Ich komme ein letztes Mal auf die Frage zurück, ob das Leid, das über uns kommt, einen Sinn hat. Ich glaube, auch der Versuch, dem Schicksalsschlag im aktuellen Geschehen einen Sinn zu geben, ist gewöhnlich ein Umweg. Von der spirituellen Seite her gesehen, bringt meines Erachtens der Schicksalsschlag eine einzige Anforderung mit sich, und die heißt: ihn aushalten und ihn durchschreiten, ohne den Kontakt zum Urgrund des Lebens zu verlieren.

 

Paulus, der ja Leid sehr wohl kannte und zeitweilig unter so massiver Verfolgung litt, dass er das Ende seines Lebens als schon  beschlossen ansah (2 Kor 1,8), formuliert dazu sehr eindringlich zwei Seiten seiner Realität: Er sieht die Not mit Klarblick an, und er vergegenwärtigt sich die Kraft in ihm, die aus der Quelle der Zuversicht stammt:

 

Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht.
Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.
Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. 
Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.
Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, 
damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde
.
Anmerkung 22

 

Oder an anderer Stelle:

 

Wir erweisen uns
als die Sterbenden, und siehe, wir leben; 
als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet;
als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; 
als die Armen, aber die doch viele reich machen; 
als die nichts haben, und doch alles haben.
Anmerkung 23

 

Dass wir diese zweite Dimension dazu gewinnen, das wünscht uns die Mystik.
Wir schliessen mit einer Meditation.

 

Meditation - Berührt werden vom Licht

 

Unsere Füsse seien auf dem Erdboden. Wieder geht unsere Aufmerksamkeit zuerst in den Kontakt zum Stuhl und zum Boden. Und wenn wir unsere Aufmerksamkeit ins Sitzen richten, in die Beckenschale richten, dann wird der Po ganz schwer und die Beine auch. Das ist wichtig, dass wir bei allem, was wir innerlich visualisieren, erdverbunden sind.

 

Dann werden wir uns unserer Wirbelsäule bewusst. Sie richtet sich aus der Beckenschale auf nach oben. Strebt zum Himmel.

 

Im inneren Bild sei über uns eine Wolke von Licht. Es ist möglicherweise das Licht, das Paulus erlebt hat, und ich bitte das Licht: Du Licht, senke dich auf uns herab. Berühr uns von oben her und durchlichte uns Zelle um Zelle, von oben her. Und wir erlauben uns, das innerlich mit zu vollziehen oder zu malen. Die ersten Zentimeter im Kopf, da sei unsere Aufmerksamkeit und das Licht möge sich ausbreiten unter der Schädeldecke in den Kopf hinein. Und ich rede einmal zu den Zellen: Ihr Körperzellen, erlaubt euch einmal, dass das Licht euch berührt und lebendig werden lässt, dass das Licht euch berührt und stärkt und ausrichtet und hell werden lässt.

 

Und im inneren Bild durchlichtet das Licht die nächsten Bereiche: Mundraum und Nacken und Kinn und Hals. Wenn da ein Bereich ist, den das Licht nicht erreicht, können wir nachher noch wieder zurückgehen. Und das Licht möge berühren: die Schultern und die obere Brust hinten und vorn. Herzhöhe, bis zu den unteren Rippen. Sonnengeflecht. Bauchraum. Lendenwirbel. Beckenschale. Oberschenkel, Knie, Füße. Und auch der Bereich unter unseren Füßen wird hell im inneren Bild.

 

Da ist die Wolke von Licht, aus der immer bereitwillig weiter das Licht in euch hineinströmt. Ihr könnt es lenken. Wenn ihr das Gefühl habt, da gibt es einen Bereich, den das Licht nicht erreicht hat, dann wendet diesem Bereich eure Aufmerksamkeit zu, und das Licht wird folgen. Und verweilt. Geduldig. Und schaut dem Licht zu. Ihr selbst habt keine Tätigkeiten zu tun, als zu schauen.

 

Stille

 

Und erlaubt mir, dass ich das Bild ergänze: Da sei unter euch der Strom des Lebens. Eine Kraft, die aus der Erde kommend den Baum im Frühling zum Grünen bringt. Grünkraft. Und ich wünsche euch, dass ihr wie Bäume verwurzelt seid in dieser Kraft, dass ihr aufgerichtet werdet, gestärkt in eurem materiellen Körper, aufgerichtet, wie ein Baum zur Sonne hin.

 

So sei es.

 

Und dann verabschieden Sie sich langsam von dem inneren Wahrnehmen und den Bildern in Ihnen: Realisieren Sie, dass Sie in einem Körper sind, der Muskeln hat und sich vielleicht auch strecken will. Und kommen Sie zurück in diese Gegenwart hier.